Tagungsbericht: Gesundheitswesen vor dem Aufbruch oder am Abgrund?

Eine kommentierte Nachlese zum Kongress „Vision Gesundheitswesen 2015“

Wir wissen sehr viel mehr als unser Tun vermuten lässt. Das ist zwar oft mehr eine subjektive Wahrnehmung als das Ergebnis objektivitätsnaher Reflexion – doch im Falle des Gesundheitswesens ist es schlicht ein Fakt. Diesen Schluss legte die Tagung „Vision Gesundheitswesen 2015“ nahe, zu der Euroforum und die curabill AG am 24. März 2009 ein zahlreiches Publikum aus Spitälern und Krankenkassen ins Gottlieb Duttweiler Institut nach Rüschlikon geladen hatten.

Die Vision ist noch zu formulieren
Um es vorwegzunehmen: Die Tagung schuf in einigen Belangen gedankliche Klarheit, half zu ordnen und eine vernünftige Diskussionsbasis hinsichtlich der Megatrends zu legen. Insbesondere am Morgen, als die Wissenschaft mit eher akademischen Ausführungen den Ton angab. Namentlich politologische und soziologische Betrachtungen des Gesundheitswesens führten zu visionären Denkanstössen. Die Distanz zum Alltag erlaubt einen ungetrübten Blick. Neues entsteht, wenn man sich nicht immer in denselben Kreisen dreht.

Dennoch: Auch von den bodennäheren Praktikern aus Kassen und Kliniken gab es am Nachmittag Vorausschauendes, ein Mal gar Begeisterndes. Allerdings war bei manchen Referaten nicht ganz klar, ob die Vision nicht auch als Drohkulisse genutzt wurde. Summa summarum blieb es Folgekonferenzen überlassen, die finale „Vision Gesundheitswesen 2015“ zu formulieren. Gute Ansätze wurden aufgezeigt. Es ist nun wichtig, die Diskussion auf den richtigen Ebenen fortzusetzen.

In kleinen Schritten sehr flexibel
In seinem Eintretensreferat legte Prof. Dr. Sandro Cattacin vom Soziologischen Institut der Universität Genf systematisch dar, welche Modelle des Gesundheitswesens es gebe und wo die Schweiz einzuordnen sei. Grundsätzlich unterschied er zwischen dem biomedizinischen und dem kommunitaristischen Modell. Ersteres ist von hoher Definitionsmacht der Fachleute ebenso geprägt wie von einem relativ tiefen Stellenwert der Selbstverantwortung; es kommt vor allem in homogenen Gesellschaften vor. Das zweite hingegen bildete sich vorwiegend in heterogenen Gesellschaften heraus und zielt auf ein Gleichgewicht zwischen individueller Verantwortung und Unterstützung durch Gemeinschaften. Selbsthilfe und Proaktivität sind hier wichtige Aspekte.

Wegen der sehr fundamentalen und tradierten Unterschiede liessen sich Systeme nicht einfach austauschen, so Cattacin – aber sie seien alle den selben Megatrends unterworfen: Individualisierung der Gesellschaft, stetig zunehmende Mobilisierung und Alterung sind omnipräsent. Zugleich führt die mehr biomedizinische Tradition zunehmend Richtung Prävention, derweil die mehr kommunitaristische Sicht zu modernem Community-Building drängt.
Und die Schweiz? Sie, bei alledem so ziemlich in der Mitte, habe „vermutlich das komplizierteste Gesundheitssystem der Welt“, so Cattacin. In seiner Vielfalt und geprägt von kleinräumigen Gräben sei es einerseits kaum in grossen Würfen zu reformieren – andererseits aber im Kleinen sehr reformfreudig. Deswegen gelte: „Feinsteuerung ist die Losung“ – wobei die grösste Gefahr neben finanziellen Engpässen im Populismus auf nationaler Ebene liege. Mit diesem Referat war eine meisterhafte, weil „disziplinsfremde“ Auslegeordnung gegeben. Die Messlatte für den Rest des Tages war nun sehr hoch.

Megatrend „arbeitende Kunden“
Den Ball des Community-Building nahm Frau Prof. Dr. Kerstin Rieder von der Hochschule Aalen auf. Ihr Referat drehte sich vor allem um den Megatrend hin zu „arbeitenden Kunden“: Was bei eBanking und IKEA angefangen habe, wo der Kunde die Arbeit des Schalterbeamten respektive des Monteurs erledigt und dafür auch noch zahlt – werde auch im Gesundheitswesen Einzug halten. Wenn Kundinnen und Kunden in Online-Handelsplattformen schon als Berater anderer Kunden wirkten, so sei es nur logisch, dass sie diese Funktion auch auf Plattformen des Gesundheitswesens wahrnehmen könnten und auch würden.

Professor Rieder identifizierte fünf Treiber des Wandels im Gesundheitswesen: Den steigenden Kosten und der Zunahme der chronischen Krankheiten stünden ein wachsendes Bedürfnis der Patienten nach Information und Mitsprache ebenso gegenüber wie die weg von Lifestile zu Healthstile und die breite – weitgehend ungenutzte – Palette der eHealth-Lösungen.

Und so entwarf Rieder folgendes Bild des modernen, aktiven, mitarbeitenden Patienten: Er setzt zunehmend auf Gesundheitsmonitoring und Prävention, er bezieht dabei immer mehr Information aus dem Internet – wo er auch Daten beisteuert -, und er wird so in zunehmendem Masse zu eigentlichen Gesundheits-Communities gehören. Eine gewisse Gefahr ortete die Referentin dabei allerdings in der möglichen Überforderung einzelner Patientengruppen. Diese Ausführungen bereicherten die Tagung, weil sie Neues, ja im Schweizerischen Gesundheitswesen echt Visionäres, sehr konkret herleiteten. Man darf (weiter) hoffen, dass nachdenkliche Praktiker den Ball aufnehmen werden.

Elektronisches Patientendossier: „2015 ist sehr ehrgeizig“
Ähnlich umfassend war das Bild, das Dr. Stefan Spycher, Vizedirektor des Bundesamtes für Gesundheit (BAG), entwarf. Er gab sich zuversichtlich, dass die Gesundheitspolitik die kommenden Herausforderungen meistern könne, räumte aber ein, es gebe sehr viel zu tun. Und begleitet vom ausdrücklichen Wunsch, nicht als Föderalismus-Kritiker gesehen zu werden, fasste er zusammen, dass Fortschritte im Gesundheitswesen eigentlich immer dann erzielt würden, wenn die Kantone dem Bund nicht im Weg stünden. Grundsätzlich müsse das System mit Hilfe von eHealth, Qualitätsförderung, Transparenz und erhöhter Gesundheitskompetenz die bestehenden Blockaden überwinden. Aber auch Investitionen ausserhalb des Gesundheitssystems, wie z.B. in die Verbesserung der Arbeits- und Wohnbedingungen bestimmter vulnerabler Gruppen, sollen im Sinne einer multisektoralen Gesundheitspolitik dazu beitragen, die Gesundheit der Bevölkerung zu verbessern.

Wenn sich Spycher damit sehr nah an den Akademikern bewegte, steuerte er der Diskussion darüber hinaus einige konkrete „staatliche Perlen“ bei. Beispielsweise stellte er die Frage, ob es wirklich nötig sei, dass sich hierzulande allein auf der Stufe Bund ganze siebenundzwanzig Ämter um Gesundheitspolitik kümmerten. Oder er stellte klar, dass die Einführung des elektronischen Patientendossiers bis 2015 wohl schon heute als „sehr ehrgeizig“ beurteilt werden müsse. Und er malte ein wenig überraschendes Kosten-Szenario an die Wand: Die Voraussagen gehen von Gesundheitskosten in der Höhe von bis zu 16.9% des BIP im Jahre 2050 aus. Allerdings blieben die vorgeschlagenen Massnahmen wenig visionär: Wettbewerbsdruck, Sparen, Prävention und Ökonomische Anreize. Das BAG präsentierte einen bunten Strauss an zukünftigen Herausforderungen und Lösungsansätzen. Doch liessen die Ausführungen wirklich visionäre Komponenten vermissen.

„Ein relatives Gut“
Das vierte Grundlagenreferat, gehalten von Dr. Katja Gentinetta, stellvertretende Direktorin bei Avenir Suisse, unterschied sich von den anderen dahingehend, als es mehr auf die Spitäler einging als auf das Gesamtsystem „Gesundheitswesen“.

Ausgehend vom philosophischen Postulat, Gesundheit sei nicht als Ersatzreligion und allerhöchstes Gut zu betrachten, sonder als relatives Gut, dem man eben nicht bedingungslos alles bis hin zur Lebensfreude unterordne, ortete Gentinetta durchaus eine staatliche Verantwortung für die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger, um dann aber primär für „Effizienz via Markt“ zu plädieren. Im Kern forderte sie volle Vergleichbarkeit der Spitäler ebenso wie volle, Kantonsgrenzen überschreitende Wahlfreiheit der Kundinnen und Kunden. Allerdings legte sie ihren Ausführungen eine Analyse der staatlichen Rollen zu Grunde, die wesentliche Aspekte wie jene, dass es auch der Staat ist, der Prämienverbilligungen zu berappen hat, einfach wegliess – ebenso wie die Tatsache, dass die Bürgerinnen und Bürger am Ende die volle Zeche zahlen – sei es als Kassenkunden oder als Steuerzahler. Auch konnte man vor dem Hintergrund der aktuellen Finanzkrise bezüglich des Postulats für mehr Wettbewerb ins Grübeln kommen, ob in diesem doch sehr sensiblen Bereich Spielregeln gefunden werden, die sicherstellen, dass das Wohl der Patienten und die medizinische Versorgung im Mittelpunkt stehen und nicht ausschliesslich das Streben nach Gewinnmaximierung.

Zwischen Aufbruchstimmung und bitterer Erfahrung
Die Praxisreferate des Nachmittags vermittelten – getrennt nach Kassen und Kliniken – ein diverses Bild. Derweil sich etwa Dr. Werner Widmer, Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, einiges von der Fallpauschalenabrechnung (DRG) ab 2012 verspricht und in einer pfiffigen Rede das gegenwärtige System als kostentreibend geisselte, zeichnet ein deutscher Anästhesist und Medizincontroller ein ganz anderes Bild: Remco Salomé von der proDiako Gruppe aus Hannover kennt die DRGs seit einiger Zeit, und seine Ausführungen beschrieben vor allem Scheintransparenz, Betrugsanreize, Streit und unendlichen Verwaltungsaufwand. Das Referat verdeutlichte vor allem auch: Ein wichtiger Schlüssel zum erfolgreichen Spitalmanagement wird in Zukunft auch im effizienten Forderungsmanagement liegen. Der Kontrast zwischen Hoffnung und Erfahrung hätte nicht schärfer sein können – man musste sich wirklich fragen, ob das Gesundheitswesen nun vor der Rettung oder vor dem Exitus stehe.
Damit war für Spannung und Denkstoff gesorgt. So weit gingen die Anregungen im Versicherungs-Symposium leider nicht. Dieses beschäftigte sich schwergewichtig mit den Trends der Versicherungswirtschaft. Dr. Peter Maas vom Institut für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen brach die allgemeinen Trends und Prognosen für die Versicherungswirtschaft auf das Gesundheitswesen hinunter. Er forderte die Teilnehmer auf, der heutigen Multi-Optionsgesellschaft Rechnung zu tragen und die Wachstumspotentiale durch Konvergenz mit anderen Branchen auszuloten. Auch um gegen Konkurrenz gewappnet zu sein, die nicht aus der klassischen Versicherungsbranche stammt: „Wie würde Google Insurance denken?“ Dagegen war der Grundtenor des Referats von Dr. Daniel Schlegel von Accenture, dass gar nicht alles neu erfunden werden müsse, da es in anderen Ländern – und damit meinte er insbesondere Deutschland und die neue Gesundheitsreform – bereits viele innovative Ansätze gebe, von denen man lernen könne. Spannend waren auch die Fallstudien des Markteintritts der CSS in Deutschland und der Kundenorientierung-Systeme der Allianz Suisse. Obwohl sich das Vorgetragene in bereits bekannten Bahnen bewegte, gelang es den Referenten doch, neue Akzente zu setzen.

Wie einleitend bemerkt: Es waren sehr gute Ansätze da, doch kristallisierte sich noch keine griffige und kohärente Vision Gesundheitswesen 2015 heraus. Eines kann man aber nicht genug betonen: Auch der bodennaheste Beitrag zu dieser Konferenz war sehr viel ermutigender, kühner und positiver als das, was derzeit in der Politik als Allheilmittel herumgeboten wird: Nämlich immer nur massiv an der Kostenschraube zu drehen. Wahrlich, es gibt noch viel zu tun – und Rüschlikon wies den Weg.

curabill-Team
Pfäffikon, 20. April 2009

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